Marcel Friederichs in der Schule von Meister Bob Boyd in Burlington - Korrektur der Prinzipien in der Tai Chi Chuan-Form  (Taijiquan)

Inhalte des Unterrichts im Snake-Style

Was macht man eigentlich beim Tai Chi Chuan?

Allgemeine Ziele des Trainings

Tai Chi Chuan ist eine jahrhundertealte Trainingsweise. Eine kraftvolle Körperhaltung, die eine enorme innere Körperspannung erzeugt, aber die äußere Muskulatur entspannen lässt, ist ein Ziel dieser Tradition. Diese Körperspannung wird gepaart mit vielseitigen Bewegungen. Deswegen handelt es sich auch um eine Bewegungsschule, in der der Übende lernt, die Spannung und Kraft der inneren Muskulatur zur Quelle jeder Bewegung zu machen. Die Bewegungsweise, die mit Training zunehmend auch im Alltag zur Normalität wird, verleiht den Körperbewegungen eine Qualität, die besonders ausdauernd, kraftvoll und gleichzeitig mühelos, weich und deshalb flexibel und sogar schnell ist.

Die chinesischen Lehrer bezeichnen diese Haltung und Bewegung auch als „Qi Gong“, weil das Qi des Übenden gestärkt wird. Diese Stärkung des Qi ist nach traditionell chinesischer Medizin die Grundlage für ein gesundes und langes Leben, das in jedem Alter Beweglichkeit, Wohlgefühl, innere Ruhe und Kraft verspricht.

Großmeister Ip Tai Tak beim Üben mit Partner, Mitte 1980er-Jahre © Bob Boyd

Großmeister Ip Tai Tak, der über Jahrzehnte hinweg die vollständige Familienlehre studierte, sah Tai Chi Chuan aber vor allem als Kampfkunst an. Sie wurde als ein in Kraft und Geschwindigkeit überlegenes Kampfsystem entwickelt. Ip Tai Tak verkörperte diese Überlegenheit in Perfektion, konnte er doch sogar mit 70 Jahren noch deutlich jüngere hochgradige Dan-Schüler des Karate und des allgemein verbreiteten Tiger-Stils mit Lockerheit dominieren. Für ihn war der gesundheitliche Nutzen nur ein erfreulicher und selbstverständlicher Nebeneffekt.

Für den erfolgreichen Tai Chi-Schüler entwickelt sich aus dem Training nach und nach ein wichtiger Bestandteil des alltäglichen Lebens: Je größer das Verständnis und das Gefühl für die Bewegungslehre wird, desto mehr erfüllt sie den Übenden mit Wohlbefinden und Freude am eigenen Körper. Der gesamte menschliche Bewegungsapparat wird von Grund auf weiterentwickelt und Körperbewegungen aller Art werden als Vergnügen wahrgenommen. Das damit erreichte Glücksgefühl erzeugt zusammen mit der Komplexität der Bewegungen einen geistigen Zustand, der vollkommen auf den Moment und das Hier und Jetzt fokussiert ist. Aus diesem Grund ist Tai Chi auch eine hervorragende Meditation und Achtsamkeitsübung.

Trainingsetappen (Vom Anfänger zum qualifizierten Lehrer)

Auf den ersten Blick könnte man meinen, Tai Chi Chuan sei eine einfache Choreographie, die ähnlich wie ein Tanz auswendig gelernt werden muss. Tatsächlich ist die vollständige Tradition der Familie Yang ein sehr komplexes System. Die Meisterung dieser Lehre erfordert viele Jahre der täglichen Auseinandersetzung mit den Übungen und vor allem mit den dahinter stehenden Ideen. Die einzigartige chinesische Kampfkunst enthält keine Grade oder Gürtel, sondern der Fortschritt des Einzelnen ist sehr individuell und der Weg zur Perfektion ein dauerhaftes Lernen und Verstehen. Die persönliche Entwicklung ist fließend und lässt sich nicht kategorisieren. Es existieren auch keine unterschiedlichen Formen, die an das Niveau des Übenden angepasst sind (traditionell kannte beispielsweise Karate ebenfalls keine Grade und unterschiedlichen Katas – der japanische Begriff für Formen – unterhalb des Schwarzgurtes / 1. Dan).

Es gibt keine Übungen, die nur für Anfänger gedacht wären: Auch ein Fortgeschrittener sollte noch regelmäßig die zuerst gelernten Übungen zur Mobilisierung ausführen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man noch nach über zehn Jahren der Auseinandersetzung damit immer neue Erkenntnisse über die muskulären Zusammenhänge für das Tai Chi Chuan macht.

Natürlich gibt es eine Reihenfolge, in der neue Übungen erlernt werden können. Dabei stehen solche Übungen am Anfang, die in der Ausführung erstmal nicht so schwer zu verstehen sind. Später folgen Übungen, die bereits ein erweitertes Körpergefühl und eine gesteigerte Kontrolle über die Muskulatur erfordern.

Die folgende Reihenfolge, in der das komplexe Übungssystem erlernt werden kann, ist aus meiner Sicht aus den oben genannten Gründen sinnvoll:

Schwertformposition des Tai Chi Chuan (Taijiquan) auf einem Felsen in der Natur
Position der Schwertform